ID #1066
Alice im Hungerland. Leben mit Bulimie und Magersucht.
von Marya Hornbacher
Kurzbeschreibung
Im Krankenhaus verberge ich das Gesicht in
den Händen, als eine schöne Frau in der Gruppe zu weinen beginnt,
während sie damit herausplatzt, daß sie Angst vor ihrer eigenen
Leidenschaft hat, vor ihrer körperlichen Leidenschaft, ihrem Verlagen
nach einem Liebhaber. Der Rest der Gruppe sitzt betreten schweigend da,
starrt zu Boden, jede einzelne Frau gibt vor, nicht zu wissen, um was
es geht, jede versichert sich selbst, daß sie nicht versteht, was sie
meint: So haben wir nie empfunden. Später treiben wir unseren Scherz
mit diesem Thema: Sex ist doch nur gut zum Kalorienverbrennen, oder?
Und wir lachen. Doch ich hatte verstanden, was die Frau meint. Mein
Gesicht brannte, als ob mein Verständnis mich als eine derjenigen
Frauen entlarvte, die sich gehen ließen, deren Gefühle ihrem Inneren
entsprangen, deren Körper sich manchmal in wortloser Freude dem Partner
entgegenbäumen. Ich wollte keine von diesen Frauen sein... In dem Jahr,
das ich im Internat verbrachte, versuchte ich, genau diesen Teil meines
Selbst wegzuhungern. Die Aufnahme von Nahrung, die Aufnahme eines
Geliebten wird als Eingeständnis der Schwäche und der Bedürftigkeit
betrachtet, als Eingeständnis des Wunsches nach körperlicher
Befriedigung, als Zeichen, daß man sich der "niederen", der
minderwertigeren Seite seines Selbst unterwirft. Eine lose Frau, das
ist man, wenn die Leidenschaften außer Kontrolle geraten. Die Regeln
unserer Kultur schreiben vor, daß eine gute Frau Sex und Nahrung mit
einem Seufzer der Unterwerfung annimmt. Stumm soll sie zur Decke
blicken und nur die Reste knabbern. Außerdem macht mich Sex immer
hungrig. Ebenso wie Marihuana. Also mied ich beides. Nachts lagen Lora
und ich nebeneinander in unseren Betten. Das Winterlicht war hell und
blau und tauchte das Zimmer in unheimliche Schatten. Sie schlief fast
noch schlechter als ich. Wir lagen da und redeten unaufhörlich, von
Gedichten und Geschichten, von Schriftstellern und Sprache, heiße
Schauer aus Worten. In den frühen Morgenstunden wurden unsere Stimmen
leiser, bis sie schließlich ganz verstummten. Wir sprachen darüber,
wohin wir gehen wollten. Was wir schreiben würden. Selten sprachen wir
über das Leben, das wir hinter uns gelassen hatten. Wie die Uhr dem
Morgengrauen entgegenkroch, redeten wir nur noch Unsinn. Sie nannte
mich Max. Der Winter dauerte an, länger als lang, und wir standen kurz
davor, den Verstand zu verlieren. Meine Manie steigerte sich in
Wahnsinn. Nachts saß ich im Lesesaal, tippte wie wild auf der
Schreibmaschine herum und verfaßte surrealistische Geschichten. Ich saß
an meinem Schreibtisch in unserem Zimmer, trank Tee, flog mit
Höchstgeschwindigkeit. Auf einer Woge des Zorns fegte sie ins Zimmer.
Oder sie fegte hinein und lachte wie eine Irre. Oder sie fegte ins
Zimmer und setzte sich unter den Schreibtisch, um dort ein Glas
Erdnußbutter in sich hineinzustopfen. Sie war süchtig nach Zucker. Sie
verschlang ihn päckchenweise, ebenso wie die langen, bunten
Zuckerstangen. Sie war ständig in Bewegung. Zuerst fragte ich mich, ob
auch sie ein Problem mit dem Essen hätte, da sie hauptsächlich von
Zucker und Weißbrot mit Erdnußbutter oder Gelee lebte, aber meine Sorge
war (wie sie mir darlegte) "reine Übertragung, ernsthaft, Max.
Vielleicht hast du ja auch einfach nur Hunger." An manchen Samstagen
fuhren wir zusammen in die Stadt, kauften tütenweise Bonbons,
Bisquitröllchen mit Cremefüllung (wir bevorzugten beide Vanille; sie
roch immer köstlich und benutzte reines Vanilleextrakt als Parfüm, was
mich wiederum hungrig macht), Gummibärchen und saure Drops, bei deren
Genuß man unwillkürlich das Gesicht verzog, sowie Karamellbonbons. Wir
lagen rücklings auf den Betten, lauschten der Musik von The Who und
Queen und bellten mit klebrig-vollem Mund: "I AM THE CHAMPION, YES I AM
THE CHAMPION", oder wir hängten uns an die Rohre über dem Bett und
fielen mit wildem Gekreische zu Boden.
Tags: Bücher
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196/1%Letzte Änderung des Artikels: 2007-06-30 03:50
Verfasser des Artikels: Christoph Tischler
Revision: 1.0
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